So überschreibt Rosenberg (2005) ein Kapitel in seinem Buch zur Gewaltfreien Kommunikation (S. 48). Gemeint ist hier die Fähigkeit, zwischen Beobachtung und Bewertung zu unterscheiden und dies auch in Kommunikationsprozessen anzuwenden. Für ihn ist diese Fähigkeit Grundbedingung einer wertschätzenden und lebendigen, dabei aber auch selbstverantwortlichen Kommunikation.
Rosenberg formuliert drei Grundtypen lebensentfremdender Kommunikation:
Moralische Urteile - Hierzu gehören "Schuldzuweisungen, Beleidigungen, in Schubladen stecken, Kritik, Vergleiche und Diagnosen" (Rosenberg 2005, S. 35). Die zu diesem Bereich gehörende Sprache führt in eine Welt der Urteile, wobei das eigene Empfinden Maß aller Dinge wird: Wer mehr Zuwendung braucht als ich, ist "anhänglich". Wer mit weniger auskommt, dagegen "unnahbar und unsensibel" (S. 36). Eine solche Sprache sieht die Verantwortung für die Situation im Anderen und lässt wenig Raum für (gemeinsame) Veränderungsprozesse. Dies gilt übrigens ebenso für sogenannte positive Zuschreibungen wie Lob ("Du bist ein braves Kind!")
Vergleiche anstellen - Laut Rosenberg und dem von ihm zitierten Dan Greenberg die beste Methode, sich (und anderen) die Laune und das Leben zu vermiesen. Als Vorschlag schildert Rosenberg das Beispiel Greenbergs, sich ausgiebig mit den Errungenschaften Mozarts im Alter von 12 Jahren auseinanderzusetzen, um dann die eigenen Leistungen dem gegenüber zu stellen und sich in die Unterschiede zu vertiefen. Unabhängig davon, dass man sich selbst mit solchen Vergleichen oft keinen Gefallen tut, hindern derartige Vergleiche auch an einer respektvolle Wahrnehmung anderer Menschen, da sie nur im Licht eigener (und manchmal unerfüllbarer ) Erwartungen gesehen werden.
Verantwortung leugnen - Einer der Kerngedanken Rosenbergs ist, dass nur wer Verantwortung für seine Gedanken, Gefühle und Handlungen übernimmt, seine Situation auch gestalten und verändern kann. Eine Leugnung der eigenen Verantwortung hingegen führt nicht nur unter Umständen zu zwischenmenschlichen Schwierigkeiten, sondern ist seiner Ansicht nach auch eine Gefahr für gesellschaftliche Strukturen, da sie Gewalt - in welcher Form auch immer - billigt und unterstützt. (Die Liste der Beispiele ist recht lang, insofern ziehe ich es vor, sie an anderer Stelle ausführlich zu erörtern.)
Rosenberg führt einige Besipiele vermischter Kommunikation an, um dann die Trennung in Beobachtung und Bewertung vorzunehmen. Zusammenfassend formuliert Holler (2005) eine Regel für das Feststellen einer Beobachtung:
"Wenn die andere Person NICHT sagen kann: 'Das stimmt so nicht', dann handelt es sich um eine wertfreie Beobachtung, die nachprüfbare Tatsachen wiedergibt" (S. 53)
Oder anders formuliert:
Es handelt sich nach dieser Definition dann um eine wertfreie Beobachtung, wenn ich den Inhalt der Aussage nicht mit jemandem diskutieren kann.
"Der Rock ist zu kurz." Über die richtige oder angemessene Länge von Röcken lässt sich durchaus unterschiedlicher Meinung sein. "Der Rock, den du heute trägst, endet über deinem Knie." Hier ist erst einmal keine Diskussion möglich.
"Du bekommst deinen Alltag nicht geregelt." Was heißt in diesem Zusammenhang "Alltag"? Und was "Nicht geregelt"? "Die Zahlungsfrist für die Rechnung ist vor zwei Wochen abgelaufen und jetzt haben wir eine Mahnung bekommen." Dies ist zunächst die Schilderung der Tatsachen, die sich nicht bestreiten lassen.
"Du bist unhöflich." Wenn ich Sie frage, was Sie unter Höflichkeit verstehen, kann Ihre Meinung unter Umständen sehr von meiner Auffassung abweichen. "Du hast etwas geschenkt bekommen und ich habe nicht gehört, dass du 'danke' gesagt hast." Dies ist nach meiner Auffassung eine Beschreibung.
Folgt man dieser Sichtweise, wird schnell deutlich, dass sich jede Formulierung von feststehenden Eigenschaften, sofern sie sich auf Menschen beziehen und nicht auf Dinge, diskutieren lässt, da hierüber in der Regel unterschiedliche Auffassung herrschen. (Und selbst bei Eigenschaften von Dingen mag das nicht immer eindeutig sein.) Wenn sie sich eine Aussage diskutieren lässt, ist sie Ausdruck der persönlichen Einstellung des Spechers und stellt somit dessen Bewertung dar, auch wenn er dies nicht in seiner Sprache verdeutlicht. Dies gilt übrigens ebenso für Komplimente und die damit zusammenhänge Zuschreibung positiver Eigenschaften. Somit können Eigenschaften niemals Teil einer wertfreien Beobachtung sein.
Nun geht es nicht darum, Bewertungen gänzlich aus dem eigenen Sprachgebrauch zu streichen. Rosenberg betont, dass ihm die Trennung von Beobachtung und Bewertung wichtig ist, nicht die Streichung der Bewertung. Zumal Bewertungen seiner Auffassung nach wichtige Mittel sind, um eigene Bedürfnisse zu erkennen und auszudrücken, eine weitere Grundannahme der Gewaltfreien Kommunikation.
Ich möchte noch ein paar persönliche Gründe anführen, warum ich die Trennung von Beobachtung und Bewertung für so wichtig halte.
- Eine Trennung von Beobachtung und Bewertung ist für mich ein Ausdruck respektvoller Gesprächsführung, weil sie impliziert, dass Andere zu anderen Bewertungen gelangen können. Um es mit Geraldine Chaplin, der Tochter des Komikers Chaplin zu sagen: "Die Wahrheit ist nie so oder so. Sie ist immer so und so."
- Gerade in "schwierigen" Gesprächen kann die Beschreibung der Umstände die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass der andere mir zuhört. Beginne ich mit meiner persönlichen Bewertung (die je nach Ernst des Gespräches auch entsprechend harsch ausfallen könnte) und deklariere ich sie vielleicht noch als allgemeines Gesetz, laufe ich Gefahr, dass der Andere sich erst gar nicht auf ein Gespräch einlässt oder beginnt, sich vehement zu rechtfertigen. Damit gerät mein ursprüngliches Anliegen eventuell vollständig aus dem Blick und wir streiten uns auf der Ebene: "Hast du nicht!" "Hab ich doch!"
- Bei negativen Empfindungen führt die Beschäftigung mit den Tatsachen zu einer gewissen "Versachlichung" des Problems, da ich mir selbst klar werden muss, worum es mir überhaupt geht und was dieses Gefühl ausgelöst (nicht verursacht!) hat. Somit hilft es mir, mein Anliegen ruhiger und für den Anderen verständlicher vorzubringen. Bei positiven Empfindungen ist es für mich eine wunderbare Möglichkeit, positiven Gefühlen mehr Tiefe zu verleihen und meine Aufmerksamkeit auf die Aspekte zu lenken, die mir wirklich wichtig sind.
Diese Trennung im Alltag und gerade in emotional angespannten Situationen zu praktizieren, ist nicht einfach. Zu schwierig scheint es manchmal, sich von langjährigen Gewohnheiten zu verabschieden und hier neue Wege zu gehen. Aber gerade bei Gesprächen, bei denen ich die Gelegenheit hatte, sie vorzubereiten, habe ich es als ausgesprochen hilfreich erlebt. Vielleicht hilft es hier nun Anderen.