In der Psychologie ist Lernen eins der zentralen Themen. Aber die Frage, was gelernt wird (oder werden soll) und wie dies geschieht, bleibt keineswegs auf die Psychologie beschränkt: Letztlich finden sich Diskussionen hierzu in vielen benachbarten Disziplinen, natürlich in der Pädagogik, aber ebenso in der Soziologie und der Philosophie. Mit Zunahme der technischen Möglichkeiten in der Gehirnforschung liefern auch die Neurowissenschaften verstärkt Beiträge zum Thema.
Jede wissenschaftliche Disziplin, die Lernprozesse untersuchen möchte, kommt jedoch früher oder später in die Verlegenheit, zunächst den Begriff des Lernens definieren zu müssen. Je nach Blickwinkel und theoretischer Ausrichtung weisen diese Definitionen eine erstaunliche Vielfalt an notwendigen Bedingungen auf, also an Merkmalen, die zwingend vorliegen müssen, damit etwas im Sinne der Definition als "Lernen" gelten kann.[1] Aber Definitionen - und seien sie noch so variantenreich - beleuchten nicht nur, sie begrenzen auch. Wenn ich Lernen z. B. psychologisch als Verhaltensänderung aufgrund bewusst gemachter Erfahrungen definiere, schließe ich damit un- und vorbewusste Prozesse aus. Doch wenn ich diese ausschließe, müsste ich nicht ersteinmal das eine vom anderen abgrenzen, damit ich wirklich weiß, auf welche Erfahrungen ich mich beziehe? Und bin ich dann noch beim Thema Lernen?[2]
Ich möchte an dieser Stelle einen anderen Weg gehen und nähere mich dem Thema aus alltagssprachlicher Sicht: Was sagen wir eigentlich, wenn wir über Lernen reden? Und welche Konzepte über den Prozess des Lernens kommen hier zum Ausdruck? Ausgehend von der Grundannahme, dass sprachliche Bilder und Metaphern mehr sind als bloße Schmuckstücke (Lakoff und Johnson 1980/2003), möchte ich mögliche Grundannahmen einiger verbreiteter alltagssprachlicher Konzepte zum Thema Lernen beleuchten. Was bedeutet es eigentlich, wenn ich mir "Stoff reinfressen muss" um ihn in Prüfungssituationen wieder "auszuspucken"? Und was kann es bedeuten, wenn Lehrer "Widerstände durchbrechen" oder "Abwehrhaltungen knacken" müssen und sich selbst als "an vorderster Front im Einsatz" sehen? Ziel dieser Beiträge soll es sein, einen neuen Blick auf ein im Grunde ‚altes' Thema zu werfen. Dieser Perspektivenwechsel hat zumindest mir interessante Einblicke in die Interaktion zwischen den an Lernprozessen Beteiligten vermittelt: Sie verschaffen eine größere Sensibilität für die Faktoren, die (neben vielen anderen) zum Gelingen, aber vielleicht auch zum Scheitern einer Lernsituation beitragen mögen. In diesem Sinne hoffe ich, dass das Folgende von Interesse sein kann für all diejenigen, die im weitesten Sinne in Lernprozesse involviert sind, denn: "In educational, as in other forms of discourse, it is a matter of no little importance that the implications of the metaphors we employ or accept are made explicit, and the ways in which they structure our thought, and even our action, are better understood" (Taylor 1984, S. 8).
[1] Eine interessante und sehr ausführliche Sammlung psychologischer Defintionen findet sich bei Plassmann und Schmitt (2008).
[2] Bei wem dieser Gedanke Interesse geweckt hat, der sei auf Harold Garfinkels "Studies in Ethnomethodology (1967) verwiesen.