• Wissen ist etwas, das man in den Kopf bekommen muss, sei es in den eigenen oder den eines anderen, es wird hineingepackt, reingestopft oder auch eingeflößt, wenn nicht gar eingetrichtert [1]. (Pädagogisch ausgebildete Personen, mit denen ich sprach, fragten als erstes, ob mit Metaphern der Nürnberger Trichter gemeint sei. Der Ausdruck "eintrichtern" entstammt tatsächlich diesem Kontext. Schullehrbücher wurden im 17. Jahrhundert "Trichter" genannt. Bei dem "Nürnberger Trichter" handelt es sich um die spöttische Bezeichnung für den zu dieser Zeit von Georg Philipp Harsdörfer erstellten "Poetischen Trichter", ein Schullehrbuch zur deutschen Reimkunst. Soll dieses Wissen genutzt werden, so wird es wieder herauf- oder gar herausgeholt. Diesen Metaphern liegt das bereits in der Einleitung angesprochene Konzept DER KOPF IST EIN BEHÄLTER; IN DEN WISSEN GEFÜLLT WERDEN MUSS zu Grunde. Lernen vollzieht sich demnach als "Aufnahme" des "Gegenstandes" Wissen und ist somit von den beteiligten Personen und ihren Handlungen losgelöst. Wenn die zu lernenden Dinge als unabhängige Entitäten existieren, impliziert dies, dass es eine Autorität gibt, die die Auswahl der zu vermittelnden Inhalte übernimmt und deren Reihenfolge bestimmt.

    Ausdrücke wie einflößen oder eintrichtern legen nahe, dass dies auf Seiten der Lehrenden geschieht, wobei auch sie diese Entscheidung nicht ausschließlich aus freien Stücken treffen, wie ein Lehrer betont:

    "Die Schule ist ja eine gesellschaftliche Institution und nicht im luftleeren Raum schwebend. Es gibt bestimmte Erwartungen in der Gesellschaft, die dann auch über Lehrpläne usw. letzten Endes bis in die Schulzimmer dringen. Mit anderen Worten, ich bin gezwungen oder beauftragt, oder sagen wir mal angehalten, bestimmte Dinge zu vermitteln, die gewünscht werden" (L2, Z. 456-459).

    Es scheint, Lerner sind an dem Vorgang der Auswahl wenig bis gar nicht beteiligt. Ihre Aufgabe besteht darin, Wissen im Kopf anzusammeln, es sich reinzuziehen oder vielleicht sogar zu inhalieren und bei Bedarf wieder auszuspucken. Wenn es zu viel wird, haben sie einen vollen Kopf, in den nichts mehr hineingeht, sind dicht und machen zu. Lernen kann in diesem Fall nur dann funktionieren, wenn sie sich den Inhalten gegenüber nicht verschließen, im Gegenteil sich aufgeschlossen zeigen und offen für Neues sind.

    Allgemein liegt die Stärke der Behälter-Metaphorik in der Möglichkeit, gleichzeitig Abgegrenztheit und Interaktion mit der Umwelt zu konzeptualisieren: "In dieser Metaphorik wird eher gewünscht, ‚aus sich herauszukommen', ohne den Behälter zu beschädigen" (Schmitt 2003, Abs. 38, Hevorh. SW). Vor allem bei Untersuchungen sozialer Interaktionsmuster und Verhaltensweisen kann dieser Aspekt von großer Wichtigkeit sein, will man beispielsweise Aussagen darüber treffen, wie Lehrende und Lernende ihre soziale Interaktion wahrnehmen. Bezogen auf den Vorgang des Lernens an sich zeigt sich hier jedoch genau das Gegenteil - die Interaktion zwischen Lehrenden und Lernenden scheint für den Erfolg des Lernens unerheblich zu sein. Um im Bild des Behälters zu bleiben: Wer einen Behälter befüllt, spielt für den Behälter selbst keine Rolle. Auch die Frage, wie er befüllt wird, ist – solange man ihn nicht überfüllt und er zu platzen droht – höchstens eine Frage der Effizienz, aber kein grundlegendes Problem. Am Ende steht das Ergebnis – ein voller Behälter – und das alleine zählt.

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