Eine besondere Form der Aufnahme ist das Essen:
"... denn der normale Alltag besteht darin, dass Schüler etwas vorgesetzt - ich sag jetzt mal bildhaft – eine Suppe vorgesetzt bekommen, auf deren Zusammensetzung der Zutaten sie keinen Einfluss haben und die sie auslöffeln müssen und die ihnen mehr oder weniger gut schmeckt. Das ist die alltägliche Situation. Manchmal (lacht) schmeckt's wirklich sehr gut und zwar allen Beteiligten, aber meistens ist das eine ziemlich fade Angelegenheit (L2, Z. 503-510)".
Oft werden Ausdrücke aus dem Bereich des Essens bemüht, um eher weniger interessante Lernsituationen zu verbildlichen: Der Lehrer kaut den Stoff vor, den dann alle gemeinsam durchkauen, wobei das mehr oder weniger fade oder gerade bei schwierigen Inhalten ein ganz schön hartes Brot sein kann. Der Stoff kann nicht nur hart, sondern auch ziemlich trocken sein, wird in diesem Fall aber dennoch gefressen, geschluckt oder auch widerwillig heruntergewürgt. Manchmal ist es auch nötig, sich durch Berge von Literatur zu fressen, sich durch- oder, wenn es nicht richtig klappen mag, sich auch die Zähne auszubeißen.
In der hier aufgezeigten Metaphorik LERNEN IST ESSEN wird Lernen als Vorgang der Nahrungsaufnahme konzeptualisiert, wobei sich alle Phasen dieses Vorganges - von der Nahrungszubereitung über die Aufnahme bis zu deren Verdauung und Verwertung – zu dem Prozess des Lernens in Beziehung setzen lassen.
"Wenn der Lehrer nur die üblichen Wissenshäppchen verfüttert, ohne Rücksicht auf die Fähigkeiten, das Wissen und die Interessen der Kinder, lässt er gewaltige Potentiale ungenutzt" (Mechsner 2004, S. 165).
"Statt dem Schüler den Stoff Häppchen für Häppchen zu verabreichen, bieten wir ihm gewissermaßen gleich von Anfang an komplexe Themen" (ebd., S. 179).
Der Lehrer serviert den Schülern, was sie zu lernen haben. Unterrichtsgestaltung zeigt sich als Entscheidung zwischen verschiedenen gastronomischen Bewirtungsmodellen: Die Alternativen reichen von dem Verfüttern der Häppchen, ergo kleiner Einheiten, die in keinem Kontext zueinander stehen und deren Zusammenstellung die Konsumenten nicht beeinflussen können, über das Erstellen mehrere Gänge umfassender Menüs, deren Inhalte aufeinander abgestimmt sind und die einer zumindest in Teilen vorgegebenen Sequenz folgen, bis hin zum Essen "à la carte", also der Möglichkeit, aus einem bestehenden Angebot frei zu wählen. Je nachdem, wie viel Einflussmöglichkeiten der Lehrende den Lernern zugesteht, ergeben sich hieraus für ihn eher die Aufgaben eines Lieferanten oder die eines Kochs: Im einen Fall ist er für die Bereitstellung der Inhalte zuständig, im anderen Fall zusätzlich für deren Umsetzung und Darbietung.
Die Metaphern des "Aufnehmens" geben trotz ihrer oft negativen Färbung letztlich meist keine Auskunft über die Verdaubarkeit des Geschluckten (vgl. hierzu auch Rodi 1967). Etwas, was ich widerwillig schlucke, schmeckt vielleicht nicht besonders oder ist aus anderen Gründen zuwider, kann aber für den Organismus durchaus nahrhaft sein (man denke z. B. nur an Lebertran). [weiterlesen]